Henry- Eine Aufarbeitung

Bild: Henry

Wie schnell die Zeit vergeht. Als wäre es gestern gewesen, als der kleine Henry im Alter von sechs Wochen im Sommer 2002 bei mir eingezogen ist. Henry war der Kleinste des Wurfs. Sein Bruder Micky und seine Schwester Lisa sind letztes Jahr gestorben, Bruder Victor lebt noch und was aus den anderen beiden Geschwistern geworden ist, das weiß ich leider nicht. Henry konnte mit seiner ruhigen und souveränen Art nichts so leicht aus der Ruhe bringen. Er war mit seinen 6,5 kg ein wunderschöner stattlicher Kater gewesen. Alles, was Henry unternahm, geschah in der für ihn ganz typischen gemächlichen Art. Ein Leben lang. Wenn Henry etwas wollte, dann stellte er sich schon als kleines Katerchen auf die Hinterbeine und machte mit den Vorderpfoten bitte, bitte. Das behielt er bei bis zum Schluss. Wenn ich abends ins Bad gegangen bin, um mich fürs Bett fertig zu machen, stand Henry von seinem Platz auf, auf dem er gerade gelegen war, setzte sich in die Diele und wartete, bis ich im Bett lag. Dann kam er, legte sich zu mir aufs Kopfkissen, Kopf an Kopf, und schnurrte, was das Zeug hielt. Herny konnte so wunderbar schnurren. Ja, ich vermisse ihn sehr.

 

Im Herbst 2016 wurde Henry krank. All die Jahre zuvor erfreute er sich bester Gesundheit. Sein Mund war im Herbst 2016 stark entzündet und Henry wollte so gar nichts mehr essen. Er fauchte seinen Futternapf an, brauchte drei bis vier Anläufe, bis er sich endlich an sein Futter wagte. In den folgenden Monaten nahm Henry 1,5 kg ab und zog sich komplett zurück. Keiner der Ärzte hier konnte Henry helfen und auch die zwei Zahnoperationen brachten nicht den gewünschten Erfolg. Erst durch Herrn Dr. Eickhoff im 70 km entfernten Weissach gewann Henry wieder seine Lebensqualität und Lebensfreude zurück. In zwei Zahnoperationen im Sommer 2017 entfernte Herr Dr. Eickhoff Henrys gesamten Zähne und Wurzelreste, sodass in den kommenden Monaten endlich Ruhe einkehren und Henry genesen konnte. Ursache für die Maulhöhlenentzündung einhergehend mit dem Verlust aller Zähne waren Caliciviren, die erstmals im Juli 2017 bei Henry nachgewiesen worden waren.

 

In der Woche vom 13. Januar 2019 wurde Henry schwer krank. Er litt an einer akuten Niereninsuffizienz, einer Pankreatitis und einem Harnwegsinfekt. Die Leberwerte waren ebenfalls schlecht und im Ultraschall stellte sich die Galle als verändert dar. Der Verdacht einer Vergiftung wurde geäußert. Noch Mitte Oktober 2018 lagen sämtliche Blutwerte innerhalb der Referenz. Eine Vergiftung wäre für Wohnungskater Henry nur durch den im November 2018 aufgestellten Katzenbrunnen Cat H2O denkbar gewesen. In den über 20 Jahren, in denen ich nun mit Katzen zusammenlebe, hatte ich noch nie einen einzigen Vergiftungsfall. Wir haben keine für Katzen giftigen Pflanzen, keine Schnittblumen im Haus und auch sonst liegen keine Medikamente, Schokolade oder ähnliches, was für Katzen giftig sein könnte, herum bzw. ist für diese zugänglich.

 

Aber im November 2018 haben wir auf der Animal in Stuttgart einen explizit für Katzen beworbenen Brunnen namens Cat H2O gekauft und diesen Brunnen vorbehaltlos für unsere Katzen aufgestellt. Dieser Brunnen wird mit einem Stein bestückt, der sich langsam im Trinkwasser auflöst und seine Wirkstoffe freisetzt, die zum Schutz vor Zahnbelag und Zahnstein beitragen sollen. So die Theorie. In der Praxis sah das dann so aus, dass alle Katzen bis auf den zahnlosen Henry den Brunnen gemieden haben. In den folgenden Wochen trank Henry mit wachsender Begeisterung aus dem Brunnen, bis Henry in der Woche vom 13. Januar  zusammengebrochen ist. Was hat das nun alles mit einer potenziellen Vergiftung zu tun? Nun ja, dieser spezielle Stein des Katzenbrunnens Cat H2O, der seine Wirkstoffe an das Trinkwasser abgibt, enthält u.a. den Konserverierungsstoff Natriumbenzoat (E211) in unbekannter Menge. E211 ist bereits ab einer Dosis von 5 Promille toxisch für Katzen. Da darf man sich zurecht fragen, was hat E211 in einem explizit für Katzen konzipierten Mineralstein zu suchen? Leider habe ich es damals versäumt, mich für die Zusammensetzung dieses Steines zu interessieren und dies erst im Nachhinein getan.

 

Kurzzeitig ging es dann Henry besser, die Nierenwerte sanken unter den Infusionen und wir dachten, er genese nun. Der Harnwegsinfekt wurde 14 Tage lange erfolgreich mit einem Antibiotikum behandelt. Dann aber kam gegen Ende Februar 2019 eine Anämie hinzu. Allem Anschein nach handelte es sich um eine autoimmunhämolytische Anämie unbekannter Ursache, die mit Prednisolon behandelt worden ist. Henry sprach auf die Behandlung mit Erythropoetin an, wurde aber dennoch immer schwächer und schwächer, zudem wurde er ödematös, sodass wir ihn schließlich am 26. März 2019 erlösen lassen mussten. Seine Nierenwerte waren dieses Mal noch schlechter, teilweise nicht mehr messbar, als bei seiner ersten Krise zweieinhalb Monate zuvor.

 

Wochenlang hatte ich mir die schlimmsten Vorwürfe gemacht, Henry durch den Katzenbrunnen Cat H2O vergiftet zu haben, konnte kaum noch schlafen, bis ich dann auf eine andere mögliche Erklärung für seine Krankheit gestoßen bin:

 

Eine Infektion mit Caliciviren, löst eine systemische, den ganzen Organismus betreffende Infektion aus. Ein Nachweis von Caliciviren wurde erstmals im Juli 2017 bei Henry erbracht. Er war sein Leben lang unauffällig gewesen, hatte keinerlei Symptome einer entsprechenden Infektion. Erst im Herbst 2016 begann Henrys Krankengeschichte.

 

Als es Henry in der Woche des 13. Januar 2019 so schlecht ging und auch sein Gangbild ein sehr schlechtes war, wurden nicht nur die entsprechenden Blutuntersuchungen veranlasst, sondern auch seine Wirbelsäule geröntgt. Es wurde eine Spondylose mit einer Verknöcherung der Wirbelsäule im Bereich der Brustwirbel diagnostiziert. Bei einer Spondylose handelt es sich um eine chronisch entzündliche schmerzhafte Erkrankung der Wirbelsäulengelenke, die in Folge versteifen können. Es entsteht eine sogenannte Bambuswirbelsäule. Sensible Nerven werden gereizt. Außerdem kann es zu Entzündungen der Iris des Auges (Regenbogenhaut) kommen. Im September 2018 wurden bei Henry eine Irisatrophie (Rückbildung, Abbau der Iris) und eine Anisokorie (Unterschied der Pupillenweiten der Augen) diagnostiziert. Zu einer Irisatrophie kann es altersbedingt, aber auch durch entzündliche Prozesse kommen. Einer Anisokorie können u.a. Entzündungen im Kopfbereich zugrunde liegen.

 

Henry zeigte seit mehreren Jahren eine eingeschränkte Beweglichkeit, weshalb ich ihn auch anfangs unserem Haustierarzt vorgestellt hatte. Dieser stellte damals die Verdachtsdiagnose Arthrose.

 

Henry litt allem Anschein nach in seinen letzten Lebenswochen an einer autoimmunhämolytischen Anämie (Immunbedingte hämolytische Anämie =IHA). Diese war nichtregenerativ. Hernys Urin enthielt massiv Hämoglobin, Bilirubin war im letzten Blutbild zweimal so hoch wie der obere Referenzwert.  Bei einer primären IHA werden ohne bekannten Grund Autoantikörper gebildet, die zu einer Hämolyse (Auflösung der Erythrozyten) führen. Bei einer sekundären IHA liegt ein Stimulus für die Produktion der Antikörper vor. Mögliche Ursachen hierfür sind u.a. infektiöse Erkrankungen und Polyarthritis (eine entzündliche Autoimmunkrankheit, die die Gelenke befallen kann). Eine massive Hämolyse kann zu Nierenversagen führen.

 

Eine Woche vor Henrys Tod mussten wir wieder mit ihm zum Tierarzt. Da zeigte Henry das erste Mal in seinem Leben Katzenschnupfensymptome: Nasen- und Augenausfluss, Atembeschwerden (Stridor). Eine Röntgenaufnahme der Lunge wurde gemacht und alles deutete auf eine Lungenentzündung hin.

 

Beim Aufschreiben erscheinen mir die Zusammenhänge zwischen einer Infektion mit Caliciviren und Henrys Krankheitsbild recht deutlich und es liegt nicht außerhalb jeglicher Realität, dass Henry letztendlich eine Infektion mit Caliciviren zum Opfer gefallen sein könnte. In den zweieinhalb Monaten, in denen Henry schwer krank gewesen war, konnte nie eine wirkliche Diagnose gestellt werden, aufgrund der Anämie konnte ihm dann kein Blut mehr abgenommen werden. Henry wurde von Anfang an immer nur symptomatisch behandelt. Eine Sezierung von Henrys totem Körper lehnte ich ab, sodass letztendlich nicht geklärt werden konnte, woran Henry tatsächlich gestorben ist. Inwiefern das Natriumbenozoat aus dem Stein des Katzenbrunnens Cat H2o dazu beigetragen hat, bleibt ebenso ungeklärt. Vielleicht war auch einfach nur Henrys Zeit gekommen, sein Lebensende erreicht gewesen? 

 

Henry hat es nun endlich geschafft und seine Ruhe und seinen Frieden gefunden. Es war eine Erlösung für Henry, aber auch für die anderen sieben Katzen und für uns. Kremiert wurde Henry am 28.03.2019 im Tierkrematorium dank & treu in Schwäbisch Hall. Bis dahin war er noch bei uns daheim, sodass wir ausreichend Zeit hatten, uns von ihm zu verabschieden. Bei der Einzeleinäscherung konnten wir dann dabei sein und Henrys Asche anschließend gleich mit nachhause nehmen. Nun hat er einen Platz bei den anderen verstorbenen Katzen in unserem Haus.

 

 

Anmerkungen:

 

  1. Das Feline Calicivirus (FCV) ist bei 49 % der Katzen in Beständen ohne Krankheitssymptome und bei 58 % mit Krankheitssymptomen verbreitet. In den meisten Fällen erfolgt die Infektion durch direkten Kontakt von Katze zu Katze, Haupteintrittspforte ist die Nasenhöhle. Das Virus vermehrt sich vor allem lokal in Schleimhäuten von Maulhöhle, einige FCV-Stämme besiedeln auch Gelenke oder die Lunge.
  2. Nicht alles, was für Katzen hergestellt und angeboten wird, ist auch für Katzen geeignet. Lies dir immer ganz genau die jeweilige Inhaltsangabe durch. Solltest du dort Wörter finden, von denen du noch nie gehört hast oder die du kaum aussprechen kannst, dann lass besser die Finger davon.
  3. Es ist jedes Mal aufs Neue eine Gratwanderung, den optimalen Zeitpunkt für eine Euthanasie zu finden. Im Nachhinnein betrachtet, wären vielleicht ein oder zwei Tage eher der bessere Zeitpunkt gewesen. Aber da war ich, so egoistisch das klingen mag, noch nicht bereit dafür. Und dennoch finde ich, sollte es auch für den Menschen der richtige Zeitpunkt sein und sich stimmig anfühlen, denn nur so kannst du in Frieden damit leben. Kein Tierarzt der Welt kann dir die Entscheidung abnehmen und darf dich unter Druck setzen, denn es ist dein Tier und du musst damit zurecht kommen.
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